Kapitel 8 – Unbekanntes Belgien

Der 1. Mai fiel im Jahr 2000 auf einen Montag. Grund genug für uns, unser Ritual wieder zu vollziehen, Freitagsnachmittag von unserem Leeraner Büro aus zu einem Kurztripp zu starten. Während wir bei uns noch relativ schönes Wetter hatten, wurde das mit zunehmender Entfernung schlechter. Wir hatten uns ein Hotel in der Nähe von Antwerpen gebucht. Nach wenigen Stunden Fahrt kamen wir da an. Die Freude auf einen gemütlichen Feierabend-Drink in der Hotelbar war groß, jedoch hatte das Hotel keine Bar. Daher genossen wir an diesem Abend das Essen im Restaurant etwas länger. Wir probierten zum ersten Mal ein Straußensteak. Leider hatten die das hier nicht so gut drauf. Das Steak war relativ zäh. Als wir aus dem Restaurant kamen, das in einem separaten Gebäude untergebracht war, mussten wir durch strömenden Regen über den Platz laufen und befürchteten für die nächsten Tage das Schlimmste wegen des Wetters.

Wie könnte es auch anders sein. Nach einem ausgiebigen Frühstück in aller Frühe, fuhren wir los, um Belgien zu erkunden. Belgien kannten wir bisher nur von der nachts durchgehend beleuchteten Autobahn, wenn wir nach Frankreich fuhren. Hier war Belgien alles andere als schön. Plötzlich entdeckten wir das schöne Belgien. Belgien hatte alles zu bieten – Strand, Berge, Abteien, Schlösser – und natürlich Bier. Für den Abend deckten wir uns mit Bier und Wein ein, denn wir hatten ja keine Hotelbar. Ein paar kleine „Schweinereien“ holten wir uns natürlich dazu. Hier nennt man das „Bittergarnitur“. Eigentlich waren das die Bitterballen, kleine, frittierte Fleischbällchen, die zum Bier gereicht werden. Man dehnte das im Laufe der Zeit aus, indem auch kleine Häppchen mit Käse und Wurst sowie eine kleine Frühlingsrolle dazu gereicht wurden. Das „Bitter“ im Namen kommt zustande, da ursprünglich diese Ballen, also Bällchen, zum Magenbitter (flämisch: bittertje) gereicht wurden. Ein Rezept gibt es hier natürlich auch.

In diesen wenigen Tagen in Belgien lernten wir Land, Leute, Bier und Spezialitäten kennen. Es gefiel uns dort. Eine Geschichte, die schon viele unserer Kunden bei Verkostungsabenden gehört haben, war der Moment, in dem Agnes das Bier schätzen lernte. Wein war und ist in Belgien sehr teuer. Das liegt hauptsächlich an der hohen Besteuerung. Bei Bier ist das alles viel moderater. So kamen wir eines Tages in die Abtei von Maredsous im westlichen Belgien. Eine Abtei, die wir zunächst nur besichtigen wollten. Dann stellte sich aber heraus, dass die Abtei entgegen denen, die wir bis jetzt gesehen hatten, sehr dunkel war und man nur die Kirche besichtigen konnte. Aber – einen Biergarten hatten die! Also holten wir uns das dunkle Bier in Steinkrügen gezapft und dazu Käsewürfel mit Selleriesalz. Im Garten genossen wir das Bier. Dazu dippte man die Käsewürfel kurz in das Selleriesalz – ein Genuss, den wir bis heute schätzen. Für Agnes war das auch ein Aha-Erlebnis, da sie seither Bier trinkt, natürlich das belgische. Da für uns in Deutschland, speziell in Norddeutschland, Bier nur als Pils (und hier meist nur die „Industriebiere“, die alle gleich schmecken) bekannt zu sein scheint, sagen viele von vorneherein – nein, ich trinke kein Bier. Gemeint ist aber Pils. Die tolle Vielfalt der belgischen Biere führt dann aber meistens dazu, dass man das erkennt und plötzlich doch Bier mag.

Im Juli zog es uns dann wieder nach Frankreich, genau genommen nach Chatillon. Da wir aber unseren Wohnwagen verkauft hatten, entschieden wir uns für ein kleines Hotel in traumhafter Lage. Es war das Hotel direkt neben einem sogenannten Aquädukt, der Kanalbrücke über die Loire in Briare. Niemand geringeres als Gustave Eiffel hatte diese Brücke gebaut. Es ist der Canal Lateral, der durch das Tal der Loire führt, weil die Loire schon lange nicht mehr schiffbar ist. Dieser Kanal läuft nicht nur über diese Brücke, sondern wird auch mit vielen Schleusen über Berge geleitet. An einer Stelle in der Nähe klettert der Kanal mit nicht weniger als sieben Schleusen hintereinander über einen Berg.

Wir besuchten natürlich Jean und Bernadette auf dem Campingplatz und liefen dort auch noch einmal an der Loire entlang. Viele glückliche Stunden hatten wir hier verbracht. Aber wie heißt es so schön: alles hat seine Zeit. Wir dürfen dabei natürlich auch nicht vergessen, dass wir zwischenzeitlich auch einmal ziemlich genervt waren von Günter oder auch den Gruppen, die gerade im CVJM-Camp ihr Unwesen trieben. Da gab es dann auch schon mal mitten in der Nacht einen „Regentanz“ um unseren Wohnwagen. Das waren eben weniger schöne Zeiten. Mit Jean und Bernadette jedoch verband uns immer noch eine Art Freundschaft. Wann immer wir hier waren, kamen wir vorbei und Jean rief sofort: „Bonjour! Petite trink?“ Klar, ein kleiner Drink, wenn auch alkoholfrei, bei dem wir uns in Halb-und-Halb-Sprache über alte Zeiten unterhielten. Während der Zeit in Briare merkten wir, dass wir immer noch viele weiße Flecken auf der Landkarte hatten, teilweise sogar in direkter Umgebung. Also gab es immer wieder viel zu sehen. Gerne kauften wir uns ein paar nette Leckereien, mit denen wir uns tagsüber selbst versorgten. Am Abend aber wurde im Hotel mit Blick auf die romantische Kanalbrücke aus einer längst vergangenen Zeit gegessen. Schließlich hatten wir Halbpension gebucht. Und beim Essen hielten wir es stets mit unserer Abenteuerlust. Immerhin wussten wir, dass die Franzosen das auch alles essen und nicht daran gestorben sind. Am ersten Abend jedoch gab es etwas, das wir auf der Karte als Kalbskopfsülze identifizierten. War auch wohl so. Tatsächlich schienen die einen Kalbskopf einfach scheibchenweise zerschnitten und mit Sülze gefüllt zu haben. Das war das Schlimmste, was wir je in Frankreich gegessen hatten. Um es vorsichtig zu formulieren, ich musste einmal mit aller Gewalt gegen den Willen meines Magens schlucken, um zu verhindern, dass der das herauswirft, was ich vorher hineingeworfen hatte. Die weiteren Gerichte waren dann wieder normal. Am nächsten Abend entschieden wir uns dann für Schnecken. Nun ja, sicher nicht das Lieblingsgericht der Deutschen. Wir waren hier aber direkt an der Grenze zu Burgund – und die können das. Während wir Deutsche die Schnecken nur im Gehäuse mit viel Kräuterbutter essen und dabei eigentlich nur die Kräuterbutter schmecken, kennen die Franzosen natürlich auch andere Zubereitungsweisen. Wichtig ist, dass man weiß, dass Weinbergschnecken aus einem festen Fleisch, einer Art Muskelfleisch bestehen und nicht weich und glibberig sind. Was man daraus machen kann, zeigt auch mein Rezept dazu.

Eine gigantische Besichtigung war dann auch in diesem Kurzurlaub angesagt. Wir besichtigten die Abtei Fontenay in Burgund, eine der ältesten und besterhaltendsten Abteien der Zisterzienser überhaupt. Die vollständig erhaltene Schmiede aus dem 12. Jahrhundert war quasi die erste industrielle Fertigungsstätte. Mit dieser Besichtigung hatte man in uns die Leidenschaft für Abteien geweckt.

Diese Frankreichfahrt endete damit, dass wir auf der Rücktour noch einmal nach Paris fuhren, um dort unser Hotel, das wir für Silvester gebucht hatten, anzuschauen. Was wir nicht wussten, war, dass an eben diesem Tag die Tour de France ihre letzte Etappe fuhr, die in Paris endete. Vieles war abgesperrt und auf der Champs Èliysée hatten wir eine Weile die Gelegenheit, die Fahrer aus etwa 2 Meter Entfernung vorbeifahren zu sehen. Insgesamt hatten wir ein tolles Jahr. Wir erlebten Belgien und natürlich auch wieder Frankreich. Und genau genommen endete das 20. Jahrhundert ja auch erst am 31.12.2000. Und diesen Tag verbrachten wir in Paris.

Bevor wir aber nach Paris fuhren, eskalierte meine Liebe zum Kochen. In unserem Weihnachtsmenü – übrigens wirklich nur für uns Zwei gekocht, verarbeitete ich bekannte Gerichte, die wir schon auf unseren Reisen kennengelernt hatten und auch neue Gerichte, die wir erst viel später auf unseren Reisen kennenlernen würden. Und das war das Menü im Einzelnen (für ´s Rezept einach drauf klicken):

 

Das Jahr 2000 beendeten wir dann nur wenige Tage später in unserer Traumstadt Paris.Mit unserer kleinen Loulou erlebten wir diese Stadt in der wunderbaren Jahresendstimmung, die wir so liebten. Überall künstliche Eisflächen, die größte vor dem Pariser Rathaus, die spektakulärste im 5. oder 6. Stock auf dem bekannten Kaufhaus Printemps.Für diese Welt war es das wohl letzte unbekümmerte Silvesterfest. Wir verbrachten es auf dem Champs du Mars vor dem Eiffelturm, der kurz vor 0.00 Uhr, dem Ende des 20. Jahrhunderts komplett verdunkelt wurde und dann die ganze Nacht hindurch mit vielen flackernden Lichter erstrahlte. Loulou verbrachte den Abend alleine im Hotelzimmer – mit einer kleinen Schlaftablette. Wir planten schon für das nächste Jahr. Wir wollten wieder nach Frankreich fahren und endlich wieder zwei Wochen im Sommer durch unser Lieblingsland fahren. Doch dann begann etwas, was wir eigentlich zuerst nicht richtig wahr nahmen. In ganz Europa brach die Maul- und Klauenseuche aus. Sehr lange durften wir mit Loulou nicht nach Holland, Belgien oder Frankreich. Bei der Einreise nach Frankreich hätte es zwar kein Problem gegeben, aber bei der Ausreise hätte sie für 4 Wochen in Quarantäne müssen. So ein Schwachsinn! Statt der geplanten Frankreichfahrt zu Ostern fuhren wir nach Schwerin und statt der geplanten Frankreichfahrt im Sommer entschieden wir uns dann für Italien, auch noch ein weißer Fleck auf unserer Landkarte. Dort wurde die Quarantäneregelung als erstes aufgehoben. Das hatte mit den hohen Temperaturen zu tun, bei der die Maul- und Klauenseuche sich nicht mehr ausbreiten konnte. So also verdankten wir Loulou, für die wir natürlich alles taten, eine Tour, die wir nie wieder vergessen würden, auch weil wir das Glück hatten, eine perfekte Route und die dazugehörigen Hotels ausgesucht zu haben. Die Rezepte, die ich inspiriert vom italienischen Essen zu sammeln begann, funktionieren bis heute. Einige davon haben unsere Gäste auch schon auf den Events probiert. Und einige davon gibt es im nächsten Kapitel.

Im nächsten Kapitel gibt es viel aus Italien, natürlich Rezepte und auch wieder die Rezepte meines kompletten Weihnachtsmenüs. Das 9. Kapitel ist einem Freund aus England gewidmet, der leider nicht mehr unter uns weilt. Nach diesem 9. Kapitel geht unsere Geschichte in eine kleine Sommerpause und erscheint erst wieder Anfang September. Bis dahin beschäftigt uns nämlich der Mega-Sommer bei Gourmet Flamand mit vier großen Events.

Und wie immer: Diese Story ist natürlich kostenlos, wie all die Rezepte, die sie hervor bringt und noch bringen wird. Wem es gefällt, der denkt vielleicht einmal mit einer kleinen Spende in unsere Kaffeekasse an uns. Einfach auf den Button drücken – und keine Angst, wir versteuern das ordnungsgemäß.

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