Kapitel 10 – eine neue Zeit beginnt

Wie schon öfter, so waren wir auch zum Jahreswechsel 2001/2002 in Paris. Für uns war das einfach auch ein bisschen Heimat geworden. Das lag natürlich auch daran, dass wir langsam die alten Pariser Viertel für uns entdeckten. Am 01. Januar 2002 ging ich dann morgens sehr früh zum Geldautomaten vor dem Hotel. Zum ersten Mal zog ich das neue Geld – Euro. Ab jetzt würden wir durch Europa tingeln können ohne an jeder Grenze anderes Geld zu benötigen. Unsere ersten Euros gaben wir dann sehr stilvoll im alten Pariser Edel-Café „Les Deux Magots“ aus. Hier, wo alles, was Rang und Namen hatte, schon gesessen hatte, begüßten wir die neue Währung.

In diesem Jahr tourten wir natürlich wieder reichlich durch die Gegend. Es gab einen Wochenendausflug nach Amsterdam, wir fuhren mit Bekannten nach Belgien. In vier Tagen in Chatillon-sur-Loire, unserer Wahlheimat, sahen wir mehr als sonst im gesamten Sommerurlaub. Eine ebensolange Fahrt nach Belgien machte uns mit diversen Abteien bekannt. Am Ende des Jahres aber weilten wir wieder mit unserer kleinen Loulou in Paris. Hier entschlossen wir uns damals dazu, einmal in einem Restaurant mit Einheimischen zusammen zu feiern. Ein festliches Menü und viele nette Menschen machten das zu einem ganz besonderen Erlebnis. Für den Sommer hatten wir uns dann aber wieder Italien ausgesucht. Da wir aber auch endlich wieder nach Frankreich durften, entschlossen wir uns für eine herrliche Strecke. Wir fuhren zunächst nach Südfrankreich, besichtigten Abteien und genossen das wunderbare Essen in der Provence. Danach ging es dann weiter an die Côte d´Azur. Wir hatten uns für die Übernachtung dort ein Hotel der van-der-Valk-Gruppe ausgesucht. Das war für französische Verhältnisse zwar günstig und trotzdem komfortabel, jedoch waren wir hier inmitten holländischer Pauschaltouristen. Es war so manches Mal richtig problematisch, der Bedienung klar zu machen, dass wir gar kein niederländisch verstanden. Dazu kam, dass die angebotenen Speisen dann doch eher wenig an Frankreich erinnerten.

 

Mit diesem wunderbaren Blick von oben auf Monaco verabschiedeten wir uns aus Frankreich – und das bei strahlendem Sonnenschein, der uns nach Italien begleiten sollte. Fast drei Tage hatten wir Dauerregen in Südfrankreich – das geht gar nicht. Jetzt aber ging es in das Hotel Vanucci in der Nähe von Perrugia.

Wer aber glaubte, daß der Dauerregen und die holländischen Pauschaltouristen schon alle Katastrophen dieses Urlaubes waren, der irrte. Der sagenumwobene „Super-GAU“ sollte an diesem  Tag in Italien eintreten. – Gut das wir davon vorher noch nichts wussten!

Kurz vor der italienischen Grenze machten wir noch einmal Halt auf einem Parkplatz hoch über Monaco, wo wir das Mittelmeer in den schönsten Farben im Glanz der Sonne bewundern konnten. In Höhe von San Remo machten wir Rast und tranken den ersten italienischen Cappuccino auf der Terrasse eines Lokals, wobei wir fast in der Sonne schmolzen. Wir genossen das Wetter aber und fuhren gut gelaunt weiter.

Aber schon in Genua holten wir die von Frankreich abgezogene Gewitterfront ein. Es donnerte und regnete, was das Zeug hielt. In Höhe von Carrara jedoch zeigte sich dann wieder das schönste Sommerwetter und der blaue Himmel Italiens. Bei weit über 30°C durchquerten wir die Toscana. Wir waren schon in bester Urlaubsstimmung, als kurz hinter Florenz wieder ein Gewitter aufzog und es Bindfäden regnete. Irgendwann hatten wir dann Citta de la Pieve erreicht und – konnten das Hotel nicht finden. Nach langem Suchen schien dann aber alles gut zu werden. Was dann aber geschah, möchte ich  Niemandem vorenthalten.

 

Bei der Buchung hätte mir auffallen müssen, daß der Preis zu gering für ein gutes Hotel war. Dennoch war ich über dieses angebliche Schnäppchen zunächst reichlich erfreut. Als wir nach fast einstündigem Suchen und völliger Verzweiflung mit Hilfe eines Tankwartes endlich das Hotel gefunden hatten, sah es tatsächlich von außen fast aus wie im Internet. Auch die Empfangshalle konnte sich sehen lassen. Eine Dame mittleren Alters empfing uns an der Rezeption. Dann aber der erste Schock: Auf die Frage, ob sie englisch spräche (schließlich war das im Internet angekündigt) kam die Antwort in gebrochenem, mit starkem italienischen Akzent gesprochenem Englisch: „Not very well!“. Wenn jemand gefragt würde, ob er deutsch spräche und er darauf antwortete: „Das ist alles!“, dann wäre das das Gleiche gewesen. Die Dame, die die Chefin zu sein schien, gab sich aber alle Mühe, half uns dann sogar, unser Gepäck auf das Zimmer zu bringen. Als wir dann zum ersten Mal einen Bereich des Hotels betraten, der nicht im Internet zu sehen war, nämlich den ersten Stock, fiel uns der Kinnladen bereits bis an den Anschlag herunter. Wir hätten dabei aber etwas Spielraum ür die weiteren Überraschungen lassen sollen. Die Dame führte uns bis in den dritten Stock und brachte uns dort in einen langen, schmucklosen, schlecht gelüftet riechenden Gang, wobei sie uns zwei Zimmer zeigte, von denen wir uns eines aussuchen durften. Spätestens jetzt mussten wir unseren erstaunten Mund schließen, da sonst wohl der Kieferknochen ausgehakt wäre. Ein absolut geschmackloses, mehr als einfach eingerichtetes Zimmer mit zwei freistehenden Betten, deren Matratzen völlig deformiert waren. Die Matratzen mussten wir später umdrehen, um nicht aus den übermäßig hohen Betten zu fallen. Über dem Fernseher stand ein alter völlig verstaubter Ventilator, dessen Inbetriebnahme mit einem Kurzschluß enden dürfte. Das Badezimmer war relativ groß, die Dusche mit einem Abfluß und einer Mulde im Fußboden, war mitten im Badezimmer untergebracht. Wenn man sich die Annehmlichkeiten des 21. Jahrhunderts ( Fernseher, Dusche und Plastik-Ventilator) wegdachte, hatte man eine Vorstellung, wie das Zimmer Vincent van Goghs in der Irrenanstalt von St. Remy de Provence ausgesehen haben musste.

Das ist das nachgebildete Van-Gogh-Zimmer in St. Remy

Das ist das nachgebildete van-Gogh-Zimmer in St. Remy

Umbrien war wirklich schön. Ruhig sollte es hier sein und vor Kultur nur so wimmeln. Aber es war hier auch eine erdbebengefährdete Gegend. Gerade einmal 5 Jahre war es her, dass hier ein verheerendes Erdbeben viele Kulturgüter zerstört hatte, die die Grundlage des Tourismus sind, der hier die Haupteinnahmequelle ist. Man hatte alles inm Akkordzeit wieder hergestellt. Und wir freuten uns natürlich auf Asissi, Perugia und all diese wunderbaren Städte.

Wir begannen damit, das Hotel schön zu reden. Wir hätten dazu ehrlicherweise aber eimerweise hochprozentigen Alkohol gebraucht. Nach einer kurzen Relax-Phase wollten wir dann ins Restaurant zum Essen gehen. Wie immer in Italien wollten wir Loulou auf dem Zimmer lassen. Loulou jedoch verkroch sich in eine Ecke und schaute mich mit großen Augen an, als ob sie mir sagen wollte: „Bitte lasst mich hier nicht alleine zurück! – Sonst bin ich tot, wenn ihr wiederkommt.“ Also nahmen wir sie mit ins Restaurant, was auch erlaubt war und uns ein bisschen positiver stimmte. Dann erschien die Bedienung, vermutlich ein Azubi. Die junge Dame sprach fast so gut englisch wie ich chinesisch. Trotzdem gelang es uns, einen Grillteller und Pasta sowie eine große Karaffe Rotwein zu bestellen. Hätte ich gewusst, dass sie koreanischi spricht, wäre sicher alles einfacher gewesen. Sie hatte uns nicht darauf hingewiesen, dass wir uns auch am Antipasti-Buffet bedienen durften, so ließen wir es dann auch. Die Pasta war gut – aber Nudeln hätte ich auch kochen können. Der Wein erfüllte uns mit Schrecken: allerbilligster Lambrusco! Der Grillteller bestand aus einem verknorpelten Rippchen, einer aufgeplatzten Wurst und einem dicken Stück Speck. Wir versuchten uns nochmals einzureden, dass alles halb so schlimm sei und wir ja schließlich nur zum Schlafen im Hotel wären. Nach dem Essen wurde uns weder ein Dessert noch ein Kaffee angeboten. Also machten wir uns schnell aus dem Staub und spazierten in die Stadt, deren Größe etwa der Hälfte des Chikagoer Zentralfriedhofs entsprach, deren Atmosphäre allerdings als doppelt so tot zu beschreiben war. Den Schlußpunkt setzte Loulou mit einem großen Haufen mitten auf die Hauptstraße – aber keine Angst: wir waren hier ja alleine!

Aus dem geplanten, ersten Abend in Italien, der natürlich romantisch wie in Venedig werden sollte, wurde ein Abend mit einer Atmosphäre wie am Tag nach der Explosion des Klärwerks in Wanne-Eickel. Um wenigstens in Ruhe einschlafen zu können, redeten wir uns ein, das Essen wäre passabel gewesen. So kam es dann in meinem Notizbuch zum Eintrag „Essen o.k.“. Der Eintrag „3.-klassig“ wäre 24 Stunden später wohl eher als „unterste Schublade“ in das Notizbuch geraten.

Unter den Klängen viertklassiger – aber lauter – Discomusik, die immerhin live gespielt war und nebenan veranstaltet wurde, versuchten wir diese erste Nacht in Italien hinter uns zu bringen. – Und siehe da: schon gegen halb vier Uhr morgens verstummte die Musik und wir konnten noch einige Stunden schlafen, ohne aber vergessen zu dürfen, uns am Bett festzuhalten.

Als wir aufwachten, konnten wir es gar nicht glauben: Wir hatten nicht geträumt, wir waren immer noch im Hotel Vannucci. Der Blick aus dem Fenster bescherte mir eine schöne Aussicht auf die Hügel Umbriens im Regen. Positiv eingestimmt ging ich ins Badezimmer und duschte mich. Als ich hinter der Abtrennung hervor kam, traute ich meinen Augen nicht: das Badezimmer stand etwa 5 cm unter Wasser. Laut fluchend begann ich meine Morgengymnastik, die heute einmal das Aufwischen des Badezimmers beinhaltete. Natürlich war Agnes meine doch etwas ungewöhnliche Betätigung aufgefallen. Aber erst als sie ins Bad schaute, merkte sie, dass auch sie im Wasser stand. Dieses hatte sich nämlich längst einen Weg ins Schlafzimmer gebahnt.

Nachdem wir alles trockengelegt hatten, gingen wir zum Frühstück. Ein überaus angenehmer Frühstücksraum erwartete uns: dunkle Ecken, eine ohrenbetäubend lärmende Kaffeemaschine, eine schlampige ältere Dame, die wohl irgendwie zum Personalstab des Hotels gehörte, ein kaffeeschlürfender älterer Herr am Nachbartisch sowie auf einem Bistrotisch in der Mitte des Raumes etwas Marmelade und vier Scheiben Zwieback (vermutlich das Frühstücksbuffet). Als wir unseren Kaffee bestellt hatten, fragte man uns, ob wir womöglich auch noch Brot, Schinken und Käse haben wollten. Da wir das bejahten, brachte man uns einige Scheiben Käse und Kochschinken, Butter und reichlich vertrocknetes (reichlich im Sinne von extrem!) Tjabatta-Brot. Spätestens jetzt fiel in unseren Köpfen eine gleichlautende Entscheidung, wie wir später im Zimmer feststellten:

Schnell weg hier !

 

 

Unsere Entscheidung war also gefallen: Wir würden einen Urlaubstag opfern, um einen schönen Resturlaub zu haben. Wir nahmen uns vor, uns zunächst nach einem neuen Quartier umzuschauen, um dann in Citta de la Pieve unsere Sachen zu packen. Wir machten eine sehr schöne Rundtour. Nach Chianciano Terme, Chiusi, Montepulciano und dem Trasimenischen See kamen wir dann auf die Idee, nach Orvieto zu fahren, welches nur etwa 50 km entfernt direkt an der Autobahn nach Rom lag. Als wir in Orvieto abfuhren, fielen uns sofort drei Hotels ins Auge, die zwar eine gute Lage, aber sonst wohl nichts zu bieten hatten. Orvieto an sich schien aber ein guter Standort zu sein. Plötzlich fiel mir ein Hinweisschild zu einem Hotel mit 3 Sternen auf. Das Hotel „Oasi dei discepoli“ warb um Gäste. Wir fuhren diesem Schild nach und erreichten einen Ortsteil von Orvieto mit Namen „Sferracavallo“. Dem Hinweisschild folgend standen wir plötzlich vor einem zerfallenen Gebäude, welches aber zu Glück nicht zum Hotel gehörte. Die piniengesäumte Auffahrt zum Hotel lag nur direkt daneben.

Es waren kaum Autos hier, trotzdem wagte ich, einzutreten. Es schien eine andere Welt zu sein. Polierter Marmor auf dem Fußboden, rote Ledersofas und -sessel und eine Buchenholz-Rezeption mit einer Hotelbar. Der Portier, der offenbar auch der Hoteldirektor war, konnte mir sofort ein Zimmer für sieben Tage zusagen. Ich nahm an und war dann auch noch sehr angenehm über den Preis überrascht. Wir konnten gar nicht glauben, das wir wirklich das Glück gehabt hatten. Jetzt aber hieß es: „Zurück ins Grauen!“. Kurz vor Citta de la Pieve machten wir einen kleinen Stop an einem Supermarkt und „feierten“ unseren Erfolg auf dem Parkplatz, in dem wir auf dem Rasen an der Seite ein kleines Picknick machten. Danach verfinsterten sich unsere Mienen und wir teilten der Dame an der Rezeption des Hotels Vannucci mit: „Ritorno – Germania – subito!“ Das war natürlich alles andere als Italienisch – aber immer noch um Längen besser als ihr eigenes Englisch. – Und verstanden hat sie es auch. Gleichwohl hatte sie einiges Mitleid mit uns und sagte uns, dass es kein Problem sei, dass wir schon jetzt wieder abreisten. In nur 15 Minuten hatten wir das gesamte Gepäck wieder verstaut, drei Stockwerke nach unten und noch einmal 15 Meter Treppe bis zum Parkplatz gebracht. Das war bei über 30°C und drückender Schwüle eine wohl nennenswerte Leistung. Bevor wir zahlten, wagte ich dann, den Plastikventilator zu betätigen und mich etwas abzukühlen. Die mit einem deutlich hörbaren „PFFFT“ austretende Staubwolke klebte nun an meinem verschwitzten Gesicht und dem durchgeschwitzten T-Shirt.  An der Rezeption teilte man uns mit, dass man, da es schon Nachmittag war, uns die nächste Nacht mitberechnen müsse. In Anbetracht der Tatsache, dass ich bereit gewesen wäre, 500 Euro zu zahlen, eine Lächerlichkeit. Also zahlten wir, man wünschte uns alles Gute und ab ging ´s nach Orvieto. Das Hotel Vannucci in Citta de la Pieve ist wohl in den folgenden Jahren in andere Hände geraten. Heute ist es ein 4-Sterne-Hotel mit offensichtlich hervorragender Küche. Die Bewertungen im Netz bestätigen das eigentlich. Hier ist der Internetauftritt des Hotels von heute.

Wir kamen in dem Hotel an, in dem wir unsere schönsten Urlaubstage verbringen sollten. Es sah hier nicht nur auf dem Flyer so aus. An der Rezeption begrüßte man uns überschwenglich und bot uns sogleich an, uns für den Abend einen Platz im Restaurant zur reservieren. Wir nahmen dankend an. Als wir gegen 20.00 Uhr hinunter gingen, warteten bereits der Restaurant-Chef und zwei Kellner auf uns. Sehr schnell wurde klar, dass wir an diesem Abend die einzigen Gäste sein würden. Wir ließen uns alles empfehlen und man verwöhnte uns mit einer riesigen Auswahl an Antipasti, Pasta mit Trüffel sowie Rinderfilet mit Trüffeln. Dazu gab es einen ausgezeichneten Rotwein. Ein Kaffee rundete den Abend ab. Nach dem Essen gingen wir noch einen Moment mit Loulou nach draußen und setzten uns auf die Bank der Terrasse, da wir glaubten, uns nicht auf die Stühle setzen zu düfen. Es tat sich ein herrlicher Blick auf das historische Orvieto auf dem Tuffsteinfelsen auf. In den nächsten Tagen sollten wir diesen Blick jeden Abend genießen können. Als wir etwas später in unser Zimmer gingen, um zu schlafen, konnten wir immer noch nicht glauben, wo wir hingeraten waren. Ein leiser Verdacht, an diesem Tag vielleicht tödlich verunglückt zu sein kam auf, jedoch hatten wir ja mit zu Hause telefoniert. Das Hotel musste also Wirklichkeit sein.

Beim Einschlafen hatten wir das grauenvolle Hotel Vannucci bereits verdaut und freuten uns auf einen schönen Aufenthalt in Orvieto und Umgebung.

Mit diesem Hotel in Orvieto passierte allerdings in den Folgejahren genau das Gegenteil vom Horrorhotel in Citta de la Pieve. Es kam herunter und ist laut Bewertungen heute ein renovierungsbedürftiges Haus. Wir selbst mussten das im Folgejahr schon erleben, als wir für nur 3 Tage dort übernachteten. Anderes Personal, schlechtes Essen aus der Mikrowelle und ein Frühstück, das mehr als zu wünschen übrig ließ. Es hat natürlich immer noch einen Internetauftritt. Hier findet man das Hotel so vor, wie wir es in diesem Jahr kennenlernten. Es war etwas Besonderes, hier zu sein. Auch wenn sich nur wenige Gäste hier einfanden, gehörten wir in dieser einen Woche hier einfach dazu. Der Restaurantleiter verliebte sich regelrecht in Loulou und ermahnte uns stets, etwas vom Essen übrig zu lassen, das er dann liebevoll für Loulou auf einem Teller anrichtete und ihr selbst auf der Terrasse servierte, während er für uns auf Kosten des Hauses jede Menge Grappa bereit hielt. Eine Serviette mit seiner Handschrift ist eine letzte Erinnerung:

Ach ja, von Orvieto aus fuhren wir in diesem Jahr noch nach Rom. Und später erlebten wir eine atemberaubende Stadt, die durch ein Erdbeeben von der Umgebung abgeschnitten war und jetzt über eine sehr hohe Füßgängerbrücke erreicht werden konnte. Nur wenig alte Leute lebten noch hier, jedoch diese hielten die Stadt für den Tourismus am Leben.

Civita di Bagnoregio im Latium. Wer mehr über diese beeindruckende Stadt wissen möchte, der kann einfach hier klicken.

Hoch über dem Lago di Bolsena, einem Vulkansee, genossen wir die Aussicht. Noch am gleichen Tag entdeckten wir an eben diesem See eine wunderbare ruhige Stelle zum Baden. Auch unsere kleine Loulou, die mittlerweile Herzprobleme hatte und jeden Tag Tabletten nehmen musste, verliebte sich in diesen See, in dem sie, wasserscheu wie sie sonst war, sogar sehr gerne badete.

Natürlich wurden wir in dieser Zeit sehr oft gefragt, warum wir so oft unterwegs waren. Man unterstellte uns sogar Reichtum. Nun, reich waren wir nie. Nur unser gemeinsames Hobby war das Reisen, so wie andere Pferde oder Motorräder unterhalten oder aber zur Jagd gehen. Und dabei kam es uns immer darauf an, ein Land nicht nur zu sehen, sondern es auch zu schmecken. Da waren wir natürlich in Italien absolut richtig. Mit all diesen Erfahrungen entstand dann Jahre später auch unser „Nudelsalat á la Gourmet Flamand„, ein Salat, wie man ihn auch in Italien machen würde.

Über meine Arbeit habe ich eigentlich bisher so gut wie gar nicht gesprochen und ich möchte das auch nicht vertiefen. Ich hatte mir einen ganz ordentlichen Kundenstamm aufgebaut und in diesen Jahren ging es uns auch nicht schlecht. Doch auch im Versicherungsgschäft gibt es einen Einbruch. So war mein Kundenbestand mittlerweile für mich alleine zu groß, um jemanden einzustellen jedoch zu klein. Früher halfen die Gesellschaften dann beim Übergang zu einem größeren Bestand, heute sagt man sich, wir müssen den bisherigen Mitarbeiter los werden, um dann die vorhandenen Kunden aufzuteilen, damit zwei neue Mitarbeiter eingestellt werden können. Die sollten möglichst jung und dynamisch sein, damit auch sie eines Tages in meine damalige Situation kommen. Dann wird wieder geteilt – jetzt hat man ja vier Teile! So geht Betriebswirtschaft bei Versicherungsgesellschaften. Ich war jetzt einfach dran. Agnes half, wo sie konnte. Fünf Jahre lang fuhr sie – und natürlich auch unsere kleine Loulou – mit ins Büro nach Leer. Einer maroden Bude, die im Winter nicht warm zu bekommen war und im Sommer einige Kunden dazu brachte, uns vorzuwerfen, es wäre zu heiß und für Kunden so nicht zumutbar. Nun ja, diese Kunden hätten mal den ganzen Tag hier sitzen sollen. In meinem Kopf brodelte es, weil ich mit dem Gedanken spielte, aus diesem kläglichen Beruf heraus zu kommen. Leider viel mir nichts ein, was uns die gleiche Einnahme bringen könnte. So begann ich mehr und mehr mich manchmal auch noch spät Abends nach getaner Arbeit an den Herd zu stellen und zu kochen, um mich zu entspannen. Dabei entstanden dann natürlich auch Rezepte und irgendwann würde es dann soweit sein, dass das mein Beruf würde.

Kurz vor Weihnachten wussten wir noch nicht, dass wir ein bombastisches Menü am Silvesterabend in Paris bekommen würden. Also kreierte ich wie immer unser Weihnachstmenü. Leider existieren keine Bilder mehr davon, aber alle Rezepte sind noch da.

Ja, weihnachtlich muten diese Gerichte nicht unbedingt an. Das ist auch nicht wichtig, denn es kommt auf die festliche Atmosphäre an. So passen Vorgericht und Pasta sowie das Dessert absolut auch in den Sommer. Das Hauptgericht jedoch passt dann eher in den Herbst oder Winter.

Wenige Tage später fanden wir uns wieder in Paris ein. Wie ich schon erwähnte, hatten wir uns dieses Mal spontan entschlossen, in einem Lokal in der Nähe des Hotels zu feiern. Diese Feier war etwas absolut neues für uns – obwohl wir ja wussten, wie die Franzosen feiern konnten. Der Abend lief ohne eine besondere Ordnung ab. Jeder kam wann er wollte und aß wie er wollte. Das Menü war göttlich! Eine Kleiderordnung gab es hier schon gar nicht. Wer wollte kam im Smoking, wer sich eher in normalen Kleidern wohl fühlte kam so. Um 0.00 Uhr rief der Kellner lauthals das neue Jahr aus und jeder umarmte jeden. Man stieß mit dem an, was man gerade hatte – Kaffee oder auch Champagner. Viele waren noch gar nicht mit dem Essen fertig, doch tanzte man zuerst ins neue Jahr. Auch Loulou tanzte mit und die laute Musik schien sie nicht sonderlich zu quälen. Leider mussten wir die Feier früh verlassen, da wir am nächsten Tag früh fahren wollten. Auf unserem Weg zurück zum Hotel wünschte uns jeder, dem wir begegneten ein gutes neues Jahr. Und das Schönste: Es war nicht ein Böller zu hören. Natürlich waren wir müde und schliefen jetzt ins neue Jahr hinein. Die Menükarten konnten wir mitnehmen und haben sie damals eingescannt – leider noch nicht die beste Qualität, aber ich möchte sie hier doch zeigen.

Auf der 1. Seite begrüßt das italienische Restaurant seine Gäste zur Silvesterfeier. An diesem Abend ist man aber alles andere als italienisch – Silvesterabend in Paris geht nur auf die französiche Weise. Der Preis ohne die Getränke war damals pro Person 50,– Euro. Absolut angemessen und für Pariser Verhältnisse doch eher günstig.

Man konnte wählen zwischen drei Vorspeisen. 6 Austern von der Insel Noirmoutier. Diese liegt im Atlantik südlich von der Bretagne. Die Austern von hier gelten als besonders gut. Dann gab es noch die Möglichkeit, die obligatorische Gänseleber zu wählen, die mit einer Portweinsauce serviert wurde. Als dritte Möglichkeit gab es einen Grapefruit-Salat mit roten Crevetten und weiteren Meeresfrüchten angerichtet mit einer „göttlichen Sauce in der Farbe der Morgenröte“ – so steht das da und so sah die Sauce auch aus.

Das Hauptgericht stand an, wieder 3 Gerichte zur Auswahl:

  • Filet Mignon mit Mark überbacken an Morchelsauce begleitet von goldenen Äpfeln
  • Der König der Meere: Norwegischer Lachs an Sauerampfer mit Tagiatelle in verschiedenen Farben
  • Entenbrust á l´Orange nach traditioneller Weise mit gratinierten Prinzessbohnen und Sauce Darphin (Zwiebel-Minz-Sauce)

Zunächst gab es einen Teller mit Käse, dann wählte man zwischen zwei Desserts:

 

  • Nougat-Eis (weißer Nougat) mit Himbeersauce
  • Schokoladenkuchen auf einem Bett von englischer Creme (das ist eine Vanille-Soße)

Und zum Abschluss der obligatorische Espresso. (Den bekommt man, wenn man in Frankreich Café bestellt)

Ein wieder einmal aufregendes Jahr lag hinter uns, aber natürlich auch vor uns. Beruflich war ich so unzufrieden wie noch nie zuvor und gesundheitlich ging es uns beiden, aber vor allen Dingen Agnes nicht so gut. Der dauernde Streß im Beruf hatte uns beide mürbe gemacht. Etwas Neues sollte bald beginnen. Das aber auch das nicht das Richtige war, würde sich erst nach 10 weiteren Jahren herausstellen.

 

 

Wie ich ja bereits angedeutet hatte, führte ich seit 1999 eine Art Reisetagebuch. Eines dieser jährlichen Bücher beendete ich mit einem Zitat, das noch heute für sich spricht, weil es unseren damaligen Gesundheitszustand doch so sehr widerspiegelte. Das Foto habe ich in der Nähe von Arles in Südfrankreich selbst aufgenommen und lediglich am PC verändert.

Das war das 10. Kapitel unser Lebensstory. Damit unsere Leser auch wissen, warum wir eine so lange Pause gemacht haben, hier noch einmal die Links zu unseren Events der letzten Wochen mit Bildern und Rezepten:

In zwei Wochen geht es weiter – mit gravierenden Änderungen in unserem Leben, mit einer weiteren Reise durch Italien und natürlich mit Rezepten.

Ach ja – und wer unsere kleine Geschichte mag, der darf uns natürlich gerne wieder eine Tasse Kaffe spenden. Einfach auf den Link drücken. Die Summe ist egal – wir nehmen 1 Euro genauso wie eine Million – und keine Angst, wir versteuern alles ordnungsgemäß.

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