Kapitel V – Wir werden sesshaft

Bereits im Herbst 1989 erwarben wir unser Haus im Rathausring. Bevor die aktuellen Mieter allerdings auszogen, verging noch etwas mehr als ein Jahr. Das hieß für uns, noch weiterhin in unserer Oberwohnung ausharren, bevor wir dann im Februar 1991 endlich von unseren neuen Nachbarn mit einem Willkommensbogen begrüßt wurden.

Dennoch ließen wir uns natürlich auch weiterhin nicht unsere Vorliebe für Frankreich nehmen. Wir planten eine neue Jugendfreizeit. Dazu fuhren wir dann im Sommer 1990 mit zwei Freunden dort hin, um noch einmal alles auszuloten. Natürlich war Günter Bierstädt wieder vor Ort. Er hatte alles im Griff. Als wir dann so zusammen saßen, erzählte er uns von tollen Wohnwagen, die hier auf dem Platz sehr günstig ihren Besitzer wechselten. Spontan bat ich ihn, danach Ausschau zu halten und uns bei einer guten Gelegenheit Bescheid zu geben. Zwei Tage später waren wir wieder zu Hause, wohlwissend, dass wir in diesem Jahr wegen des Hauskaufes keinen Urlaub machen würden. Da klingelt das Telefon – Anruf aus Frankreich! Natürlich hatte Günter schon einen Wohnwagen gefunden und wir sollten gleich am kommenden Wochenende wieder nach Chatillon kommen,um ihn anzuschauen und zu kaufen. Der Wohnwagen war Baujahr 1961, also ein Jahr älter als wir! Umgerechnet 700 DM sollte er kosten. Das passte natürlich nicht. Aber irgendwie bekamen wir das dann doch hin. Nur Agnes konnte an diesem Wochenende nicht mit mir dorthin fahren, es ließ sich keine Möglichkeit finden, dass sie Urlaub bekam. Damit wäre dann auch der Wohnwagen hinfällig gewesen. Ein Arbeitskollege bot sich mir an, mitzufahren. Auch für uns war das nicht einfach, mal ebenso im personell schwach besetzten Betrieb beide am Freitagmittag zu gehen.

Als wir um Mitternacht auf dem Platz ankamen, hatte Günter natürlich ein Zelt für uns vorbereitet, so wie wir das besprochen hatten. Glücklicherweise sah man in der Dunkelheit nicht, wie es um uns herum aussah. Als wir das am nächsten Morgen sahen, war uns klar, dass wir hier nicht noch eine Nacht bleiben könnten. Wollten wir auch nicht. Kurz verhandelten wir dann mit der bisherigen Besitzerin, die diesen Wohnwagen offensichtlich schon die letzten 20 Jahre dort stehen hatte. Das ist möglich, denn er taucht auf alten Bildern vom Campingplatz immer wieder auf. Auch wir hatten ihn schon gesehen, wussten aber ja nicht, dass er einmal uns gehören würde. Wir wurden uns schnell einig mit der Eigentümerin, da wir gar nicht handelten. Das wäre auch sicher nicht möglich gewesen. Trotz des Alters war der Wagen, dessen Inneneinrichtung aus Echtholz bestand, sehr gut in Schuss. 700 DM bezahlten wir umgerechnet für ihn. Für uns in diesem Jahr zwar eine enorme Summe, jedoch sollte die sich ausszahlen. Außerdem konnten wir ja etwas Geld „freischaufeln“, da wir mittlerweile die geplante Sommerfreizeit aus verschiedenen, hauptsächlich organisatorischen Gründen abgesagt hatten. Es war uns auch klar geworden, dass es nicht besonders erholsam war, seinen Sommerurlaub einer solch harten Arbeit wie einer Jugendfreizeit zu opfern. Es hat eben alles seine Zeit.

Natürlich hatten Agnes und ich nur „mit der Brechstange“ die Möglichkeit, für ein Wochenende hierher zu fahren, um den Wohnwagen gemeinsam für uns bewohnbar zu machen. Günter hatte ihn neben seinen Wohnwagen ziehen lassen, was sicher nicht der beste Standort war. Doch bevor wir dorthin fahren konnten, fragten schon die ersten Bekannten nach der Übernachtungsmöglichkeit, die wir ihnen natürlich nicht verwehrten. Somit waren wir nicht einmal die ersten, die nach dem Kauf dort drin schliefen. In den zwei Tagen, an denen wir dann gemeinsam vor Ort waren, beschlossen wir, Pfingsten wieder hinzufahren, um den Wagen einzurichten. Bis dahin sollte sich aber noch einiges in unserem Leben ändern.

Bevor wir aber 1991 in Urlaub fuhren und sich unser Campingplatz so zeigte, wie auf dem Bild oben, trat unsere kleine Loulou in unser Leben. Eine Mischlingshündin (Zwergpudel und Pekinese sollte es sein). Loulou war noch ein Welpe, gerade einmal 8 Wochen alt, als sie zu uns stieß. Sie war zunächst ganz schwarz. Ihr schlimmstes Problem war das Autofahren. Sie musste sich dann sofort übergeben. Das genau war auch unser Problem im ersten Wohnwagenurlaub. Wir glaubten, wir könnten sie nicht mitnehmen, daher wollten meine Schwiegereltern solange bei uns wohnen, bis wir wieder da sind. Je dichter der Termin jedoch kam, umso mehr scheuten sie sich davor und wir entschlossen uns, Loulou entsprechend impfen zu lassen. Dann durfte sie mit. Nur noch das Problem mit der Reisekrankheit musste gelöst werden. Dafür bekam sie von unser Tierärztin eine Tablette. Die ganze Nacht schlief sie dann im Auto, um ab dem nächsten Morgen eine begeisterte Autofahrerin ohne Probleme zu sein.

Das Bild, das unseren Wohnwagen noch gelb zeigt, war in diesem wunderbaren ersten Urlaub dort schnell Geschichte, denn Jean lästerte so lange herum, bis ich einen Tag opferte und ihn weiß anstrich. Danach erstrahlte er in ganz neuem Glanz.

Und als wir uns so richtig eingerichtet hatten, wollten wir in die Normandie fahren, dorthin, wo wir drei Jahre zuvor kehrt gemacht hatten, weil das Wetter schlechter wurde. Dieses Mal wollten wir trotzdem weiter und bereuten es nicht. Wir übernachteten in einem Etappenhotel in Cherbourg und besichtigten am nächsten Tag die Landungsküste. Dort konnten wir an der beeindruckenden Steilküste den Pont du Hoch besichtigen. Damals durfte man die alten Bunker noch betreten. So kamen wir in den Genuss, auch durch diesen, aus dem Film „Der längste Tag“ bekannten Sehschlitz zu schauen, von wo aus man damals am Horizont die gewaltige Armada der Allierten herankommen sah. Klar, dass wir auch den künstlichen Hafen von Aromanche anschauten. Die damals hier gefluteten Pontons verschändeln bis heute die Küste. Man hat sie als Mahnmal hier einfach liegen lassen. Überall begegnet man hier dem „D-Day“, dem 6. Juni 1944. Sogar in Saint-Mere-Eglise erlebt man eine weltbekannte Szene live. Am Kirchturm hat man eine Puppe mit einem Falschschirm angebracht. Diese Szene wurde damals nicht nur im Film gezeigt, sondern sie basiert auf einer wahren Geschichte. In der Nacht vor der Invasion wurde eine Gruppe Falschschirmjäger vom Wind abgetrieben und landete mitten auf dem Marktplatz von Saint-Mere-Eglise. Dort brannte in dieser Nacht ein Haus und alle einschließlich der deutschen Besatzer waren dort. Es wurde ein einziges Gemetzel. Diejenigen, die nicht in das brennende Haus fielen und qualvoll zu Tode kamen, wurde teilweise noch in der Luft erschossen. Der Springer, der am Kirchturm hängen blieb, überlebte als einer der wenigen. Er hing dort unbemerkt bis zum nächsten Tag, als er dann befreit wurde. In einem kleinen Ort fanden wir dann noch ein interessantes kleines Hotel mit Namen „Gasthaus“. Natürlich wussten wir aus vielen Dokumentationen, was sich dahinter verbarg. Ein ehemaliger deutscher Soldat, der nach dem Krieg hier geblieben war. Leider war das Restaurant geschlossen und es sollte noch einige Jahre dauern, bis wir wieder dahin zurück kamen und ihn persönlich kennenlernten.

Ein gruseliger Anblick – aus dieser Perspektive sahen die deutschen Besatzer die Armada der Alliierten ankommen

Symbolisch als Mahnmal für das Gemetzel auf dem Marktplatz von Saint-Mere-Eglise

Natürlich widmeten wir uns auch den wunderbaren Leckereien, die man in diesem von der Landwirtschaft und Fischerei geprägten Gegend ausreichend antrifft. Eine enorm wichtige Rolle spielen dabei Milch- und Sahneprodukte, Äpfel, aber vor allem Käse. Weltbekannt ist der Camembert. Der Original-Camembert kommt aus eben diesem kleinen Dorf namens Camembert.

Der Legende nach entstand dieser Käse durch ein Rezept der Bäuerin Marie Fontaine Harel. Sie beherbergte während der französischen Revolution den Abbé Charles-Jean Bonvoust, einen Priester aus Brie, einem Ort in der Nähe von Paris. Hierher stammt der gleichnamige Käse. Er soll sie in die Geheimnisse der Käseherstellung eingeweiht haben. Es wurde aber wohl schon länger in dieser Gegend ein entsprechender Käse hergestellt. Der französiche Kaiser Napoleon III. verhalf dem Käse zum großen Durchbruch, als er ihn auf die Hoftafel setzen ließ.

Vom normannischen Durchzug hatte ich ja bereits berichtet – das war das Stückchen Würfelzucker, das man in den Mund nahm, um es dann mit einem Calvados „wegzuspülen“. Das macht tatsächlich Platz im Magen für den nächsten Gang. Mit diesem Calvados, also eigentlich einem „Apfel-Cognac“ gibt es natürlich viele schöne Gerichte, ob als Hautgericht oder als Dessert. Ein Dessert, aber auch ein willkommenes Zwischengericht ist der „Trou Normand“, das „normannische Loch“. Hierfür wird eine Kugel Apfelsorbet einfach mit etwas Calvados übergossen – himmlisch! Die Wirkung ist übrigens die gleiche wie beim normannischen Durchzug. Ein wunderbares Hauptgericht sind Calvados-Rouladen.

Das Jahr 1991 war für uns geprägt von ganz neuen Erfahrungen. Unser Haus, unser Wohnwagen und natürlich ein Haustier, das einfach so bei uns wohnte und langsam aber sicher das Kommando übernahm. Ganz nebenbei wurde ich 1. Vorsitzender von Blau-Weiß Filsum. Es machte viel Arbeit aber auch viel Spaß. Aus beruflichen Gründen musste ich das Amt aber leider nach zwei Jahren wieder aufgeben. 1992 waren wir dann so oft in Frankreich, dass wir uns zu Hause gar nicht mehr richtig zurecht finden konnten. Pfingsten, dann der Auftritt mit den Lollipops zum 50. Geburtstag von Günter Bierstädt, nur eine Woche später dann unser Urlaub, später noch einmal mit meinen Schwiegereltern und zuletzt mit Bekannten, denen wir es zu verdanken hatten, dass Günter dann nur 3 Tage zu Agnes Geburtstag blieb. Ein Jahr später machte ich mich selbstständig. Es begann zunächst eine aufregende, neue Zeit, richtig zufrieden machte sie uns jedoch nicht.

Wir schrieben das Jahr 1994, als wir von Chatillon aus das erste Mal eine Tour in den Süden Frankreichs machten. Selbstverständlich war das mit großen Problemen vorab verbunden. In unserem Wohnwagen in Frankreich warteten an diesem Samstag mein Bruder und seine Frau auf uns, um uns zusammen mit Günter mit einem französischen Grillen zu empfangen. Wir freuten uns drauf. Damals fuhren wir einen Ford Sierra Kombi in rot. Eigentlich war das so etwas wie ein Traumauto gewesen. Bis zu diesem Tag. Sehr früh morgens fuhren wir los, um schon nachmittags in Chatillon anzukommen. Irgendwo hinter Groningen auf der Autobahn ging etwas kaputt und wir konnten nicht weiter. Später stellte sich heraus, dass der Zahnriemen gerissen war. Der holländische Automobilclub, der kam, nachdem wir an der Notrufsäule versichert hatten, Mitglied zu werden, schleppte uns bis zur nächsten Abfahrt und stellte uns auf dem Parkplatz eine großen Hotels in Haren/NL ab. Von dort versuchten wir jemanden zuhause zu erreichen. Eine Katastrophe! Keiner hatte Zeit, keiner konnte uns holen. Ich hatte den Eindruck, da waren jede Menge Ausreden dabei. Einer, den ich dann zuletzt erreichte, war jemand, der bis heute ein Freund geblieben ist, ohne dass wir das eigentlich gemerkt hatten. Er konnte um 14.00 Uhr da sein, nahm den Weg nach Groningen auf sich und packte uns auf den Trailer. Wir holten unseren geliebten alten Escort ab, den wir ja immer noch als Zweitwagen hatten. Leider, das wussten wir, war der Auspuff kaputt. Reiner, der Retter in der Not aber schweißte ihn so gut es ging zusammen. Das hielt zwar nicht den ganzen Urlaub, doch flickte ich ihn immer und immer wieder mit GumGum und solchen Sachen. Zuletzt schiente ich den letzten Teil sogar mit einem Zeltnagel.

Nachdem das Auto fahrbereit war und wir alles umgeladen hatten, ging es wieder los. Morgens um 5.00 Uhr kamen wir dann mit 12 Stunden Verspätung in Chatillon an. Alle, die uns kannten waren auf und begrüßten uns erleichtert. Im Wohnwagen gegenüber stand ein alter Mann auf und warf sich schützend auf die Wäsche auf der Leine. Vermutlich hat der auch gedacht, wir wären ein wenig „Dummfidelbumm“. Zwei Tage später standen wir morgens um 5.00 Uhr auf, um nach Südfrankreich zu fahren, dort, wo wir auch Hotels gebucht hatten. Der arme alte Mann wachte wieder auf und wirkte wieder etwas verstört. Nachmittags kamen wir dann in der Hitze der Provence in der Nähe von Arles an.

Dieser wunderbare Duft! Überall duftete es nach Lavendel, die Grillen zirpten in einer Lautstärke, die fast ohrenbetäubend war – und der Himmel – dieses Blau, diese Helligkeit. Hier war es so schön, das man verrückt werden konnte. Kein Wunder, dass Vincent van Gogh hier durchgedreht war. Man kann die Eindrücke, die auf uns hernieder prasselten nur mit einem Zitat des berühmtesten provenzalischen Schriftstellers, Marcel Pagnol (er entdeckte den Schauspieler Fernandel, bekannt aus Don Camillo und Peppone) in Worte fassen:

 

…und hier begann eine Liebe! Eine Liebe, die ein ganzes Leben lang währen sollte. Die Liebe zur Provence!

Wir haben in diesen drei Tagen dort so wahnsinnig viel gesehen, dass man das gar nicht alles beschreiben kann. Eines jedoch ist sicher, die mediterrane Küche würde ab sofort in unser Leben einziehen und es nicht wieder verlassen.

Noch einmal wollten wir uns eine Fahrt mit unseren „Lollipops“ nach Frankreich antun. Im Jahr des 10jährigen Bestehens der Gruppe, 1996, machten wir uns für eine Woche auf den Weg nach Chatillon-sur-Loire. Mitlerweile gab es eine Erweiterung des Campingplatzes, allerdings ohne Strom und Wasseranschluss. Genau dort brachten wir unsere Leute unter. Von unserem Wohnwagen aus konnten wir alles gut beobachten, jedoch kam die Lautstärke nicht so rüber. Es war eine schöne Zeit, bis die Lollipops die scharfe Bratwurst mit marokkanischem Hintergrund ausmachten – Merguez war das Zauberwort und es gab sie jetzt jeden Tag. Alle waren mittlerweile alt genug geworden und tranken auch entsprechend. Auf der Tour nach Chatillon hatten wir nicht weniger als 20kg Eiswürfel an Bord eines jeden Autos. Als zwei der Jungs an einer Tankstelle in Belgien mit brennender Zigarette aus dem noch rollenden Bulli heraus sprangen und zwei Polizisten sie dabei fast ertappt hätten, sagte ich natürlich meine Meinung. Die Antwort: „Du Spaßbremse!“ Also tauschten sie mit zwei anderen und fuhren im rollenden Disco-Bulli mit. Nach einer Nacht mit viel schwarzem Kaffee kamen wir am Vormittag in Chatillon an und bauten die Zelte auf. In der vorletzten Nacht feierten unsere Leute eine rauschende Fete mit lauter Musik an den Ufern der Loire – wir hingegen saßen noch einmal unbekümmert unter dem einmaligen Sternenhimmel von Chatillon vor unserem Wohnwagen und relaxten! Wir merkten dabei, dass die Zeit hier im Wohnwagen auf dem Campingplatz bald vorbei sein und wieder einmal eine neue Zeit für uns beginnen würde. Eines aber würde sich nicht mehr ändern können, das, was in all den Jahren unser Leben so geprägt hatte – die Ufer der Loire!

In der kommenden Woche fällt unsere kleine Geschichte aus, da unsere ganze Aufmerksamkeit unserer Hausmesse in Nortmoor gehört. Danach geht es weiter durch den Rest der 1990er in der Bretagne, im Tal der Loire und zuletzt in London. Natürlich gibt es wieder neue Rezepte. Außerdem berichten wir vom Tag als Lady Di in Paris verunglückte. Wir waren nur wenige Stunden nach dem Unfall dort.

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