Kapitel 4 – Begegnungen, die das Leben schrieb

Immer wieder fällt in den zurückliegenden Kapiteln der Name Günter Bierstädt. Heute möchte  ich daher etwas näher auf diesen „Paradiesvogel“ eingehen. Günter wurde tatsächlich so etwas wie ein Freund in der kurzen Zeit, in der wir uns kannten. Ein Mensch mit Ecken und Kanten, aber wer hat die nicht? Günter wurde 1942 irgendwo im Ruhrgebiet geboren. Wo genau, das weiß ich nicht. Nach seinen eigenen Erzählungen war er mit einem florierenden Schrotthandel pleite gegangen und schließlich auf der Straße gelandet. Von seiner Familie lebte nur noch seine Schwester, mit der er aber wohl keinen Kontakt mehr hatte. Irgendwann hatte dann der CVJM Oberhausen ein Projekt, bei dem Obdachlosen eine Aufgabe und auch eine kleine Wohnung gegeben wurde. Für Günter, der zu dieser Zeit völlig auf sich alleine gestellt war, begann ein neues Leben. Ein Leben, mit dem er letztlich aber dann doch nicht mehr zurecht kam. Er leitete Jugendgruppen im CVJM-Haus, was aber wohl nicht so klappte und fand schließlich seine Erfüllung als Verantwortlicher für das CVJM-Zeltcamp in Chatillon-sur-Loire, wo er während der Saison von Mai bis Anfang September in seinem Wohnwagen an der Loire „residierte“.

Auf dem Bild oben sehen wir Günter, fertig für den Umzug anlässlich des Nationalfeiertages der Franzosen in Chatillon am 14. Juli 1987. Tagelang hatten wir Servietten zu Blumen gefaltet und einen Umzugswagen, mit dem wir teilnehmen durften, zurecht gemacht. Für Günter war es die Krönung seiner Zeit in Chatillon. Nur alle sieben Jahre fand der Umzug hier statt. Jahre lang hatte er sich darauf gefreut. Hier war er angesehen. Der Bürgermeister kam schon mal zu ihm und zu besten Zeiten hatte Günter sogar den Schlüssel für das Rathaus, den der Bürgermeister bei ihm abholte. Im Mai begann die Zeit des CVJM-Camps in Chatillon mit einem Aufbau-Camp. Freiwillige bauten die stabilen Zelte und Hütten auf. Günter war dabei und war für die Küche verantwortlich – ob die anderen das wollten oder nicht.

Während des Aufbaus benutzte Günter natürlich die große Küche im Gruppenzelt. Nun muss man wissen, dass Günter nicht so richtig lesen und schreiben konnte. Das wirkte sich dann auch auf die Verpflegung der Montagegruppe aus. Die irrsinnigste Geschmacksverwirrung war dann wohl eine Verwechslung gerade wegen der Leseschwäche. Günter machte seine legendären Bratkartoffeln, die nach seiner Ansicht, um zu schmecken, so richtig anbrennen mussten. Zuletzt dann gut pfeffern. Damit das aber so richtig pfeffert – Cayenne-Pfeffer!

Günter sparte bei den Bratkartoffeln natürlich nicht mit Speck und sonstigem Fett – das war nämlich sein Geschmacks-Geheimnis. Jetzt fehlte nur noch die Schärfe. Natürlich hatte man die Verpflegung in Frankreich gekauft und auf den Gewürzdosen standen die französischen Namen. Günter sah das „C“ für Chili, erwischte aber „Canelle“, das ist das französische Wort für Zimt. Über Jahre haben die damaligen Teilnehmer von den Zimt-Bratkartoffeln gesprochen und sich geschüttelt.

Günter war es, der uns 1990 den Kontakt vermittelte, der uns einen alten Wohnwagen einbrachte, den wir dann etwa 8 Jahre dort stehen hatten. Aber dazu später mehr.

Am 18. Juli 1992 wurde Günter 50 Jahre alt. Gleichzeitig feierte das CVJM-Camp in Chatillon sein 10jähriges Jubiläum. Mit unserer Jugendgruppe „Die Lollipops“ machten wir und daher auf den Weg nach Chatillon, um mitzufeiern und natürlich auch um dort Günter zu Ehren aufzutreten. Es wurde ein bewegender Abend, Günter war schon schwer gezeichnet von all seinen Krankheiten. Er hatte im Jahr zuvor durch eine Verletzung im Rachen, die vermutlich ein Knochen verursacht hatte, mehr als ein halbes Jahr im künstlichen Koma gelegen. CVJM-Verantwortliche und der Bürgermeister von Chatillon waren da und sprachen. Der Campingplatz war wegen Günter mehr als voll. Ich glaube, das war für ihn einer der schönsten Tage in seinem Leben. Als dann die Gruppe forderte „Günter un chanson!“, sang Günter sehr bewegend ein Lied vor allen Gästen.

Und es kam der Tag, da wir Günter so richtig kennenlernten. Wir schreiben den 14. September 1992. Es ist Agnes 30. Geburtstag. Ein Taxi fährt vor – Günter steht unangemeldet mit einer Reisetasche vor der Tür. Erst Schock, dann Freude – dann drei lange Tage. Wir hatten ja ein Gästezimmer, in das wir ihn erst einmal einquartieren konnten. Glücklicherweise hatten wir uns damals vorgenommen, mit Bekannten zusammen am 18. September nach Chatillon zu fahren. Da er nicht sagte, wie lange er bleiben würde, wusste er und wussten wir zugleich, dass er nach drei Tagen wieder abreiste. Nach etlichen Tassen Kaffee und dreimal soviel Zigaretten saß er dann am Abend zwischen den anderen Gästen und plauderte galant mit jedem, der sich ihm zuwandte. Für ihn war das offenbar gleichbedeutend damit, dass er jetzt nicht nur dazu gehörte, sondern auch das Kommando übernehmen konnte. Tat er dann auch. In den nächsten drei Tagen kochte er! Niemand glaubte uns, dass wir keine Chance dagegen hatten. Er trank bis zu 30 Tassen schwarzen Kaffee am Tag und rauchte bis zu 80 Zigaretten. Alles bei uns in der Wohnung, wo wir doch gar nicht mehr rauchten.

 

Von seinem ersten Kochauftritt bei uns weiß ich nicht mehr so viel. Nur, dass wir Abends einen Freund zu Besuch hatten, dem er seine berühmten Bratkartoffeln vorsetzte. Im großen Entenbräter, der an diesem Abend übrigens das letzte Mal benutzt werden konnte,  wurde Speck ausgelassen, Butter dazu getan und die Kartoffeln kamen natürlich auch lange genug dazu. Er würzte reichlich und als sich dann endlich am Boden des Topfes eine schwarze, nicht mehr zu entfernende Kruste gebildet hatte, stellte er fest, dass die Bratkartoffeln zu scharf waren. Also gab er reichlich Erdbeermarmelade dazu, was auch half. Natürlich hatten die Kartoffeln einen guten Geschmack, man durfte aber nicht wissen, wie sie gemacht worden waren.

Als wir Günter zwei Tage später nach Leer zum Bahnhof brachten, begannen wir, das Haus zu „entgüntern“. Es musste Tag und Nach gelüftet werden. Sein Zimmer war regelrecht zu desinfizieren. Aber immerhin konnten wir jetzt ohne die Angst ins Bett gehen, er würde mit einer Zigarette im Bett einschlafen. Ein letzter Versuch, den Entenbräter zu retten scheiterte. Den Elektroherd mussten wir grundreinigen, einige eingebrannten Fettspritzer ließen sich nicht mehr entfernen. Kurze Zeit später mussten wir eine Platte austauschen lassen. Jetzt ging es für einige Tage mit Bekannten nach Chatillon. Ausspannen und sich langsam wieder an normales Essen zu gewöhnen. Ja – wir hatten im eigenen Haus kapituliert. Aber es konnte noch schlimmer kommen. Das mussten wir zwei Jahre später erleben – da stand Günter nämlich wieder vor der Tür! Unangemeldet – versteht sich!

Das Lachen würde uns schon noch vergehen. 1994 war Günter tatsächlich noch einmal nach Filsum gereist. Wieder zum Geburtstag von Agnes. Ihm war ja schon alles vertraut und somit war er gleich der Boss. Wir wagten nicht einmal zu fragen, wie lang er bleiben würde. Das tat dann eine Bekannte von uns in einem „Small-Talk“. Seine Antwort kurz und bündig: „EINE WOCHE!“

Das durfte nicht sein. Kurzfristig hatten wir die Lollipops, die ihn ja kannten, zusammengetrommelt und es sollte einen Abend mit Günter geben. Günter aber kaufte ein (natürlich auf unsere Kosten), besuchte Bekannte (natürlich mit uns als Chauffeur) und er kochte. Zu Beginn – ich werde das Gesicht der Dame in der Fleischabteilung nie vergessen – kaufte er etwa 3kg fetten Speck.

Nachdem er dann etwa 5kg Kartoffeln zum Reibekuchen gemacht hatte und damit unseren Ofen zu Höchstleistungen anspornte, verdarb er meiner Schwiegermutter den Appetit durch die liebenswerte Bemerkung: „Also das Kartoffeln reiben hat seinen Vorteil. Dabei werden die Fingernägel sauber. – Natürlich auch kürzer!“ Super! Eigentlich mochte jetzt keiner mehr etwas essen.

Dann stand das Essen mit den Lollipops an. Wo sollten wir denn nun 30 Leute unterbringen? Bekamen wir hin! Wir hatten diverse Kilos an Fleisch in Form von Braten vom Schwein und vom Rind in unserem Gefrierschrank. Das waren Vorräte, die wir angelegt hatten. Günter brauchte sie alle. Ich glaube, er hat nicht weniger als 15kg Fleisch verarbeitet. Alles in viel Fett gebraten, dann mit viel Speck (so etwa 3kg) und Zwiebeln geschmort, natürlich auch stark gewürzt. Geschmack war dran – aber eben durch sein Geheimrezept: FETT! Zum Fleisch gab es einen Kartoffelsalat. Wie? Mit viel fetter Mayonnaise, natürlich verfeinert mit Sonnenblumenöl. Am Ende konnten wir feststellen, dass uns dieses Essen mit den Lollipops eine solche Summe gekostet hatte, dass wir dafür genauso gut auch in ein Restaurant hätten gehen können. Einige der Lollipop-Mitglieder fanden das Essen sogar toll. Trotzdem fiel uns auf, dass immer mehr nachgelegt wurde. Unser Nachfrage ergab, dass man den Braten heimlich draußen entsorgte, was natürlich auch für den Kartoffelsalat galt. Überlebt hätte nämlich diese Fressorgie sonst niemand. Wir machten weiterhin gute Miene zum bösen Spiel und als die Gruppe dann nach Hause ging, nahm eine der jungen Damen auch noch etwas von Günters schmackhaftem Kartoffelsalat mit – wir hatten den nicht einmal angerührt. Einige Tage später berichtete eben diese junge Dame uns, dass ihre Großmutter beim Versuch, den Kartoffelsalat zu essen, der zu einem großen Teil aus ganzen Kartoffeln bestand, fast erstickt wäre. Na Mahlzeit!

Als Günter uns nach einer Woche wieder verließ, stand unser Entschluss fest, uns einen neuen Elektroherd zuzulegen. Überall, wo Günter in diesen Tagen war, hinterließ er einen bleibenden Eindruck. Meine gastfreundliche Großmutter besuchte er an einem Vormittag. Diese hatte den meisten Stress mit der Zubereitung von Kaffee. Davon brauchte Günter an diesem Vormittag immerhin fast zwei Liter. Über seinen Zigarettenkonsum will ich mich besser nicht auslassen. Einmal noch besuchten wir ihn in seiner kleinen Wohnung beim CVJM Oberhausen. Er hatte sich alle Mühe gegeben, doch seine Fressorgien waren auch bei diesem Tagesbesuch fast nicht zum Aushalten. Drei Brötchen für jeden mit viel Aufschnitt, Mittags eine mehr als fette Ente. Irgendwie überlebten wir den Tag. In den Folgejahren kamen wir immer wieder nach Chatillon zu unserem Wohnwagen zurück, um dort Urlaub zu machen. Günter wurde zeitweise wirklich lästig, da er uns keinen Freiraum mehr ließ und ständig bei uns war. In diesen Jahren verfiel er aber auch leider seiner alten Sucht, dem Alkohol wieder. Eine Entziehungskur hatte auch zunächst Erfolg. Doch seine Eskapaden hatten natürlich auch schwere Auswirkungen auf seine Gesundheit. Als wir ihm 1997 zum letzten Mal persönlich gegenübertraten, war er schwer gezeichnet. Es war bereits September und er war immer noch auf dem CVJM-Platz, auf dem aber sonst schon seit Wochen niemand mehr war. Er ernährte sich fast nur noch von Milch. Lieber CVJM Oberhausen – bei all der guten Arbeit, die ihr geleistet habt, hier habt ihr einen dicken Fehler gemacht. Günter war darauf angewiesen, dass man ihn abholte. Er wartete sehr lange, verfiel auch wohl wieder dem Alkohol. Als sie ihn endlich abholten, hat er nur noch die Augen zugemacht und sich gewünscht, nie wieder hierher zurück zu müssen. Das hat er uns bei seinem letzten Telefonat mit uns erzählt.

Am 18. Juli 1998 telefonierten wir mit ihm, um ihm zum 56. Geburtstag zu gratulieren. Er war in diesem Jahr zu krank, um noch einmal nach Chatillon zu fahren. Nachdem wir aufgelegt hatten, wussten wir, dass wir schnell noch einmal nach Oberhausen fahren mussten, denn er hatte wohl nicht mehr lange. Nur wenige Tage später fand man Günter tot in seiner Wohnung. Er hatte Lungenkrebs im Endstadium und war qualvoll daran gestorben. Bei seiner Beerdigung in Oberhausen waren viele der alten Weggenossen dabei. Bei strahlendem Sonnenschein, diesem Wetter, für das er Chatillon so liebte, wurde er in der Nähe des Ruhr-Ufers begraben. Bei allen Eigenarten, die seinen Charakter prägten, war er guter Mensch, der immer an das Wohl der Anderen dachte, auch wenn er das manchmal maßlos übertrieb. Und dafür vermissen wir Dich, Günter!

In der letzten Folge unserer Reihe hatten wir angekündigt, heute noch von „selbstkochendem Fleisch“ und einem Profikoch, der wahre Wunder vollbrachte, zu berichten. Nun ja, das wollen wir auch nicht auslassen. Ausgerechnet 1989, dem Jahr in dem der Eiffelturm seinen 100. Geburtstag feierte, waren wir nicht in Frankreich, sondern in Jugoslawien. Im Kosovo brodelte es damals schon, was uns aber nicht davon abhielt, als Mitarbeiter bei einer Jugendfreizeit in Kroatien auf der Insel Pag dabei zu sein. Jugoslawien, zu dieser Jahreszeit „sonnensicher“, so unser Freizeitleiter, war neu in unserem Programm. 24 Stunden Busfahrt standen uns bevor – unglaublich. Das Unternehmen, das für den Veranstalter fuhr, hielt junge Leute wohl für Vieh, das in ähnlich komfortablen Transportern kutschiert wurde. Als wir völlig entnervt endlich auf der Fähre standen und die Sonne Jugoslawiens uns auf den Kopf schien, sehnten wir die Ankunft herbei. Ein relativ großes Haus mit vielen Zimmern, das von den Eigentümern im Sommer frei geräumt wurde, währen sie in „Behausungen“ lebten. Wieder gab es ein Problem mit dem Koch. Wir hatten einen Hilfskoch, der Hauptkoch, ein Profi aber kam erst zwei Tage später nach.

Die Versorgungssituation in Jugoslawien war damals katastrophal. Das Geld unterlag einer immensen Inflation. Ein Lebensmittelgeschäft am Ort hatte nur ein bis zweimal in der Woche geöffnet. Wir waren 52 hungrige Mäuler. Für heute Abend aber reichte es ja. Trotzdem konnten wir kaum schlafen. Alle Nase lang brach irgendjemand mit dem Bett zusammen, was zur Folge hatte, dass mein Bruder, der als Mitarbeiter dabei war, stundenlang mit dem Werkzeugkasten durch das Haus lief, um zu reparieren. Wir hatten die Freizeit schlecht geplant und vieles, was für uns selbstverständlich war, gab es hier nicht und machte uns permanent einen Strich durch die Rechnung.

Das folgende Bild zeigt die Bucht mit dem Haus, in dem wir es zwei Wochen aushalten mussten.

Wie auch schon in Chatillon vor zwei Jahren, so könnte man auch hier ein ganzes Buch schreiben. Doch Jugoslawien hatte trotz aller lustigen Geschichten nie diese Wirkung auf uns ausgeübt, wie Frankreich. Als unser Koch nach zwei Tagen ankam, muss er gedacht haben, er landet im Tollhaus. Rund um uns herum feierten die anderen Gruppen ihre Feten an einem wunderbaren, sommerlichen Abend. Bei uns war fast niemand mehr nüchtern und so richtig etwas zu beißen gab ´s auch nicht. Am nächsten Tag sollte es aber etwas zur Entspannung nach einem harten Arbeitstag geben. Ich schaffte es, für den nächsten Abend bei unserer Vermieterin 2 Flaschen mit je 2 Litern Weißwein zu kaufen. Darauf freuten wir uns den ganzen Tag. Nach unserer Besprechung am späten Abend mussten wir zunächst eine etwas naive, sehr junge Mitarbeiterin davon abhalten, den Notarzt zu rufen, da aus der benachbarten Ferienwohnung Geräusche herausdrangen, die daraus schließen ließen, dass dort jemand vor Schmerzen schrie, nur dass diese Geräusche eben rythmisch kamen. Dann endlich gab es den Wein – JA SUPER!! Ich Blödmann hatte mir vier Liter Olivenöl andrehen lassen! Also keinen Alkohol – war auch wohl besser!

Aber die Absurditäten hielten an. Natürlich mussten wir das Haus selbst sauber halten. Dazu gehörten auch die sanitären Anlagen. Agnes und ich hatten unser Zimmer direkt neben einem Badezimmer. Nach zwei bis drei Tagen schlug dann Montezumas Rache zu. Selbst wenn wir einen enormen Vorrat an Kohletabletten dabei hatten, war nicht zu verhindern, dass die Toilette in dieser Nacht unter „Dauerbeschuss“ war. Und wenn Montezuma mal Pause machte, musste die Toilette natürlich auch noch für diejenigen herhalten, die des Abends statt Olivenöl richtigen Alkohol getrunken hatten und deren Bett derartig rotierte, dass ihnen schlecht geworden war. Am nächsten Morgen war ein junger Mann – übrigens heute ein sehr guter Gastronom – mit dem Putzen der sanitären Anlagen dran. Mit Unschuldsaugen bat er Agnes, ihm ruhig zu sagen, wenn er etwas falsch machen würde. Bevor sie darauf antworten konnte, ergriff er die Toilettenbürste und scheuerte damit das Waschbecken aus. Von diesem Tag an zogen Agnes und ich es vor, die Außendusche zu benutzen, auch wenn man dort schon mal ein leichtes Stromkribbeln verspürte – darüber haben wir nicht mehr nachgedacht! Der Klobürsten-Reiniger hatte wenige Tage später noch einen Traum, aus dem er mit Geschrei erwachte. Als ich in das Zimmer eilte, schaute er mich wieder mit seinen Unschuldsaugen an und machte mir eine Liebeserklärung. Das war mir auch noch nicht passiert. Ihm aber wohl auch nicht. Vermutlich war das gar kein Traum, sondern die Jungs haben kräftig einen drauf gemacht und er war eben der beste Schauspieler, um Ärger mit mir oder den anderen Mitarbeitern zu verhindern. Ich verhielt mich jedoch sehr vorsichtig, da er auf mich den Eindruck eines Schlafwandlers machte und war froh, dass er schnell wieder im Bett lag.

Das nächste Bild zeigt unsere Terrasse am Abend. Leider trügt der Schein. Wir hatten natürlich überhaupt nicht bedacht, dass wir sehr weit östlich waren und am Abend relativ früh die Dunkelheit einfiel. Lampen hatten wir nicht. Die Helligkeit auf dem Bild macht nur der Blitz. Der Rest wurde von Kerzen erledigt. Unser Programm machte das natürlich zunichte, da wir abends eben draußen nichts mehr sehen konnten und es drinnen zu klein war.

In den nächsten Tagen stellte sich heraus, dass es auch im sonnensicheren Jugoslawien jeden zweiten Tag Sturm, Wind und Regen geben kann. Dazwischen genossen wir die Sonnenstunden. Ebenso stellte es sich heraus, dass der vom Veranstalter angebotene Dienst, zum Einkaufen in die Stadt zu fahren, nicht funktionierte. Aber unser Koch hatte ein Auto. Also nichts wie zum Schlachter – muss schlimm gewesen sein, denn Agnes brauchte schon gleich danach einen Manhattan-Cocktail – vor 11.00 Uhr! Unser Koch hingegen schnitt das gekaufte Fleisch zu einem Gulasch und kochte es wunderbar. Am Abend sollte es Gulasch geben. Wir freuten uns. Dann die Ernüchterung. Der Koch kam leichenblass eine halbe Stunde vor dem Essen mit den Worten an: „Ich wollte das Fleisch aufwärmen, aber es kochte schon von alleine. Ich glaube, wenn wir das essen, verrecken wir alle!“ Aber was sollte es dann geben? Er schaffte es, weil er ein Profi war! Mit den Resten aus der Küche bekamen wir ein tolles Abendessen und wer es nicht wusste, der vermisste das Gulasch auch nicht.

Ich möchte auch nicht nur schlecht über diese Fahrt reden. Es gab (Fußmarsch 20 Minuten entfernt) eine kleine Bucht mit glasklarem Wasser und einem schönen Sandstrand. Hierher verschlug es uns an einem der schönen Sonnentage. Ich schlief sofort ein. Meine „Schlaflautstärke“ hatte laut den anderen mehr als 80 Dezibel betragen und ließ niemanden sonst schlafen. Sind die aber auch alle empfindlich! Also nahm ich Schwimmflossen, Taucherbrille und Schnorchel und schaute mir die wunderbare Unterwasserwelt an. Ich war so vertieft und begeistert, dass ich erst nach etwa 2 km, die ich heraus geschwommen war, bemerkte, dass es Zeit wurde umzukehren.

Nach zwei Wochen war dann Jugoslawien beendet. Wir waren froh, endlich nach Hause zu kommen und nahmen sogar einen Busfahrer in Kauf, der sich mehr als fahrlässig verhielt. Kurz nachdem wir wieder zu Hause waren, begann der Bürgerkrieg sich in Jugoslawien auszubreiten – wir alle wissen heute, was das hieß. Wir sind nie wieder in Jugoslawien gewesen. Vielleicht können wir das irgendwann einmal nachholen. Von unserer Fahrt nach Frankreich sprechen wir bis heute, Jugoslawien ist schon fast in Vergessenheit geraten. Wir planten natürlich schon auf der Rückfahrt unseren nächsten Frankreich-Tripp.

Im 5. Kapitel unserer Reihe werden wir in Frankreich und in Filsum sesshaft. Natürlich hatte wieder Günter seine Hände im Spiel. Außerdem nistet sich ein wunderbares kleines Wesen bei uns ein.

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